Beim Isolieren das Raumklima nicht vergessen
Juni27
Man kennt die Entscheidung vom Kleiderkauf: In ihrer Grundfunktion dient Bekleidung dem Wetterschutz, doch neben ästhetischen und finanziellen Aspekten zählen auch Qualität, Wärme und Komfort des Materials. Ähnliches gilt für die äussere Hülle eines Gebäudes. Wurde diese früher als massives Mauerwerk oder strohgedämmte Holzkonstruktion ausgebildet, kamen bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zusätzliche Dämmstoffe aus Holzwolle, Kork und mineralischen Fasern auf den Markt. Im Vordergrund standen die Gewährleistung hygienischer Wohnbedingungen und die Vermeidung von Bauschäden. In den letzten 30 Jahren gewann die Einsparung von Heizenergie immer mehr an Bedeutung. Mit zunehmenden Dämmstärken verschärfte sich die Diskussion um die Wahl des «richtigen» Dämmstoffs.
Künstliche Materialien sind billiger
Obwohl heute bereits eine grosse Auswahl an Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen erhältlich ist, werden weit über 90 Prozent der Dämmungen mit Hartschaumstoffen und Mineralfaserdämmstoffen ausgeführt. Dies liege an den nach wie vor deutlichen Preisunterschieden, erklärt Severin Lenel von der Zertifizierungsstelle Minergie-Eco, die den Einsatz ökologischer Baustoffe fördert. Obwohl künstliche Dämmstoffe im Herstellungsprozess mehr Energie verbrauchen und ihre Rohstoffe begrenzt sind, kosten sie in der Regel weniger als Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen.
Das 2005 vom Bundesamt für Energie publizierte Forschungsprogramm «Rationelle Energienutzung in Gebäuden» zeigt die Preisunterschiede auf. Danach ist Steinwolle bereits ab 122 Franken pro Kubikmeter erhältlich, EPS-Hartschaumstoff ab 206 Franken, während Holzweichfaserplatten auf rund 335 Franken kommen und Kork sogar bis zu 460 Franken kostet. Aufgrund dieser Kostendifferenz sei es aus ökonomischer und energietechnischer Sicht oft sinnvoller, eine günstigere Dämmung zu wählen und diese stärker auszubilden, so Lenel. Aus ökologischer Sicht haben Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen den Vorteil, dass sie Ressourcen sparen und sich gut rezyklieren lassen. Zudem sind sie meist Diffusions-offen und können anfallende Feuchtigkeit ausgleichen. Den Hauptteil der verwendeten Stoffe bilden Holz- und Recyclingprodukte wie Zellulosefasern. Diese werden aus Altpapier hergestellt und sind in Plattenform wie auch in Schüttungen erhältlich. Lose Flocken ermöglichen einfaches Recycling durch Absaugen.
Dämmplatten aus Holzfasern zeichnen sich durch ihre gute Wärmekapazität aus, die gegenüber Mineral-, Steinwoll-, oder Styropor-Dämmungen fast doppelt so hoch ist. Schafwolle verfügt über interessante hygroskopische Eigenschaften, da sie bis zu 33 Masseprozent Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben kann, ohne an Dämmfähigkeit zu verlieren. Aufgrund ihrer eingeschränkten Verfügbarkeit wird Schafwolle jedoch hauptsächlich regional verwendet. Auch bei Kork ist die Verfügbarkeit durch den Anbau von Korkeichen limitiert; zudem sind wie im Fall von Baumwolle die weiten Transportwege relativ teuer. Als Alternative bietet sich die Verwendung heimischer Pflanzen wie Flachs oder Stroh an.
Neben dem Aspekt der Nachhaltigkeit weisen Baubiologen heute auf den Zusammenhang von Dämmstoffen und Raumklima hin. Dabei sei die Diffusionsfähigkeit eines Dämmstoffes ausschlaggebend, erklärt Bela Berke von der Schweizerischen Interessengemeinschaft Baubiologie. Gestaute Feuchtigkeit im Innenraum kann zu sogenanntem Barackenklima oder zur Schimmelpilzbildung führen. Berke betont, dass neben der Wahl des Dämmstoffes auch die Abstimmung mit den angrenzenden Baustoffen sehr wichtig ist. So nützt beispielsweise eine Diffusions-offene Dämmung nur wenig, wenn man einen kunststoffvergüteten Putz oder Anstrich verwendet. Besondere Anforderungen bestehen bei der Sanierung von Altbauten oder denkmalgeschützten Gebäuden. Gerade in diesen Fällen ist auf Diffusions- offene Dämmung zu achten, um das bauphysikalische Gleichgewicht nicht zu beeinträchtigen. Ist die äussere Erscheinung eines verputzten Gebäudes denkmalgeschützt, greift man in gewissen Fällen zur Innendämmung. Diese bedingt jedoch eine sorgfältige Planung, da Wärmebrücken in Form von Trennwänden oder Holzbalkenköpfen kaum zu vermeiden sind und der im Mauerquerschnitt nach innen verschobene Taupunkt zu einer erhöhten Feuchtigkeit führen kann.
Speziallösungen
Ist die äussere Erscheinung eines Gebäudes mit hinterlüfteter Fassade schützenswert, kann – wie bei der gegenwärtigen Sanierung des Zürcher Schulhauses Riedenhalden aus den fünfziger Jahren – der Einsatz einer Vakuumdämmung sinnvoll sein. Aufgrund ihres komprimierten Aufbaus mit verschweissten Vakuumkammern kommt die Vakuumdämmung mit einem Viertel der normalen Dämmstärke aus. Eine andere Speziallösung stellt die transparente Wärmedämmung dar, die bei opaken Aussenwänden eingesetzt wird, oder die schaltbare Wärmedämmung, deren Elemente sich je nach Bedarf umschalten lassen und zwischen Solarkollektor und hochdämmendem Wärmeschutz variieren.
Aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen gibt es keinen idealen Universal-Dämmstoff. Je nach Einsatzort sind andere Eigenschaften gefordert. Im Keller- oder Flachdachbereich ist die Unempfindlichkeit gegen Feuchtigkeit zentral, im Wohnbereich gelten andere Prioritäten wie das Raumklima. Da man bei Dämmstoffen in der Regel mit einer durchschnittlichen Lebenszeit von 30 Jahren rechnet, lohnt sich eine sorgfältige Abwägung der ökonomischen, ökologischen und baubiologischen Aspekte.
Quelle NZZ online

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