Letzigrundstadion “nur der Riss ist ein Problem”

März4

Etwas aufgebauscht würden die Baumängel am Letzigrundstadion, sagt Thomas Vogel, Professor für Baustatik und Konstruktion an der ETH Zürich. Solche Stahlträger rosteten nicht einfach durch. …

Nachdem am Stadion ein Riss in einem Stahlträger und weitere Baumängel entdeckt worden sind, sieht sich die Stadt mit dem Vorwurf des «Pfuschs» konfrontiert. Für Thomas Vogel, ordentlicher Professor für Baustatik und Konstruktion an der ETH Zürich, ist die ganze Aufregung etwas übertrieben.
Rost ist normal

«Der Riss ist ein Problem; von Rost und etwas eingelagerter Schlacke hingegen geht keine Gefahr aus», erklärte er auf Anfrage. Rost sei bei Stahlkonstruktionen normal, es würde hundert Jahre dauern, bis ein derartiger Stahlträger durchgerostet wäre. Auch Einlagerungen von Schlacke seien normalerweise kein Problem. Solche Baumängel würden gerne etwas aufgebauscht, weil es jeweils um die Frage gehe, wer am Schluss die Rechnung bezahlen müsse. Der in den Medien geäusserte Vergleich mit dem eingestürzten Dach des Hallenbads Uster hinke stark, sagte Vogel weiter. Bei der Hallenbad-Decke seien feine Stahldrähte durchgerostet, während es beim Letzigrund um äusserst massive Träger gehe.

Im konkreten Fall wird der schwarze Peter zwischen der Stadt Zürich als Auftraggeberin und der Bauunternehmung Implenia hin und her gereicht. Die Implenia sei beim Letzigrund als Totalunternehmerin aufgetreten, erklärt Andrea Holenstein, Sprecherin des städtischen Hochbaudepartements, auf Anfrage. Dies bedeute, dass sie auch für die Planung verantwortlich sei. Sie habe vertraglich zugesichert, dass sie das Stadion nach den Regeln der Baukunde erstellen werde. Sie hafte auch, wenn die Stadionbetreiber oder die Klubs im Letzigrund wegen Baumängeln Ertragsausfälle hätten. Die Implenia hatte in einem Communiqué erklärt, die Pläne stammten von der Stadt.
An die Grenze gegangen

Der Letzigrund sei ein Projekt, bei dem von der Konstruktion und vom Zeitdruck her an die Grenzen gegangen worden sei, hält Vogel weiter fest. Da komme es eher zu Problemen als bei einem konventionellen Bau. Da das Stadion im Jahr 2006 erstellt wurde, als der Stahl auf dem Weltmarkt besonders knapp war, liegt die Frage nahe, ob das verwendete Material minderwertig war. Vogel kennt keine Beispiele für derartige Probleme in der Schweiz. Er weist aber darauf hin, dass es unterschiedliche Stahlqualitäten gibt. Bei anspruchsvollen Bauten sei es üblich, Prüfbescheinigungen zu verlangen, die Materialprüfungen belegten. Dafür werde unter anderem ein Stück gewalztes Stahlblech herausgeschnitten und getestet. Ob eine solche Zertifizierung erfolgt ist, klärt die Stadt zurzeit ab.
«Flicken» bei Stahl einfacher

Vogel ist optimistisch, dass es keine weiteren Risse gibt und nur einer von den 31 Trägern repariert werden muss. «Die Wahrscheinlichkeit, dass noch Risse gefunden werden, nimmt ab, je länger wir suchen», sagt auch Holenstein. Die Behebung von Mängeln sei bei Stahl einfacher als bei Beton, da Stahl geschweisst werden könne, so Vogel. Die Stadt hat eine Tochterfirma des Schweizerischen Vereins für technische Inspektionen sowie den emeritierten ETH-Materialtechnologen Markus Speidel beigezogen für die Untersuchungen am Stadion.

Quelle NZZ online

Publiziert von: Othmar Helbling
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